Wenn aus „Was machen wir heute?“ plötzlich „Was möchte ich heute?“ wird 🤍

Veröffentlicht am 27. September 2026 um 12:00

In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder bei ganz kleinen Dingen.

Ich koche – und es ist zu viel.

Nicht ein bisschen zu viel. Sondern ziemlich genau die Menge, die ich eben jahrelang gewohnt war.

Oder ich wache morgens auf und denke darüber nach, was wir heute machen könnten.

Wo könnten wir hingehen?

Was könnten wir essen?

Worauf hätten wir Lust?

Und dann fällt mir auf:

Da ist gerade gar kein „wir“, das entscheiden muss.

Ich könnte einfach entscheiden.

Nur für mich.

Eigentlich klingt das ziemlich einfach.

Ich bin erwachsen. Natürlich kann ich allein essen gehen, irgendwo hinfahren, einen Tag planen oder entscheiden, was ich heute Abend koche.

Und trotzdem merke ich, dass es etwas ganz anderes ist, es zu können – oder es plötzlich wieder lernen zu müssen.

Wenn man ein Kind großzieht, besteht der Alltag über viele Jahre ganz selbstverständlich aus einem Wir.

Man plant gemeinsam.

Man kauft ein.

Man kocht.

Man fährt irgendwohin.

Man erzählt sich Dinge zwischendurch.

Man weiß, was der andere gerne isst, worauf er gerade keine Lust hat und welche kleinen Dinge ihn zum Lachen bringen.

Natürlich hat jeder sein eigenes Leben.

Und trotzdem ist da dieses selbstverständliche Miteinander.

Bis sich irgendwann etwas verändert.

Das Kind wird erwachsen.

Es geht seinen eigenen Weg.

Und genau das ist ja eigentlich das, was wir uns wünschen.

Dass unsere Kinder irgendwann auf eigenen Beinen stehen.

Dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen.

Dass sie ihr eigenes Leben leben.

Und trotzdem darf es ein bisschen wehtun.

Ich glaube, manchmal denken wir, wir müssten uns für ein Gefühl entscheiden.

Entweder freue ich mich darüber, dass mein Kind selbstständig geworden ist.

Oder ich bin traurig, weil es mir fehlt.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht darf beides gleichzeitig da sein.

Ich kann stolz darauf sein, dass meine Tochter ihren eigenen Weg geht – und sie trotzdem vermissen.

Ich kann wissen, dass diese Veränderung vollkommen natürlich ist – und trotzdem manchmal wünschen, sie würde einfach zur Tür hereinkommen.

Ich kann ihr ihre Freiheit von Herzen gönnen – und gleichzeitig lernen müssen, was ich mit meiner eigenen neuen Freiheit eigentlich anfangen möchte.

Das eine nimmt dem anderen nichts weg.

Und vielleicht liegt genau darin auch etwas Schönes.

Denn plötzlich taucht eine Frage auf, die lange nicht mehr ganz so oft im Mittelpunkt stand:

Was möchte eigentlich ich?

Was möchte ich heute essen?

Wo möchte ich hin?

Möchte ich überhaupt irgendwohin?

Möchte ich heute früh aufstehen und etwas unternehmen?

Oder möchte ich einfach lange Kaffee trinken und nichts planen?

Wenn man lange gewohnt ist, Entscheidungen gemeinsam zu treffen, fühlt sich diese Freiheit am Anfang vielleicht gar nicht unbedingt wie Freiheit an.

Manchmal fühlt sie sich eher wie eine Lücke an.

Aber vielleicht muss diese Lücke nicht sofort gefüllt werden.

Vielleicht darf daraus langsam Raum entstehen.

Raum, um sich selbst noch einmal ein bisschen neu kennenzulernen.

Nicht als Mutter.

Nicht als Teil eines Teams.

Sondern einfach als ich.

Denn natürlich gibt es uns weiterhin.

Nur anders.

Vielleicht sind es jetzt mehr Videocalls statt gemeinsamer Abende.

Vielleicht erzählt man sich manche Dinge nicht mehr nebenbei in der Küche, sondern bewusst am Telefon.

Vielleicht sieht man sich weniger – und nimmt sich genau deshalb anders Zeit füreinander.

Und vielleicht lernen wir beide gerade etwas Neues.

Sie lernt, ihr eigenes Leben zu leben.

Und ich lerne, meines wieder ein Stück mehr für mich zu gestalten.

Das bedeutet nicht, dass die gemeinsame Zeit weniger wichtig wird.

Vielleicht sogar im Gegenteil.

Man nimmt sie bewusster wahr.

Ein gemeinsames Essen ist nicht mehr einfach irgendein Dienstagabend.

Ein gemeinsamer Tag ist plötzlich etwas, worauf man sich freut.

Und vielleicht verändert sich irgendwann auch die Beziehung.

Nicht weniger nah.

Nicht weniger liebevoll.

Einfach anders.

Vielleicht werde ich noch eine ganze Weile zu viel kochen.

Vielleicht werde ich noch oft denken:

„Das würde ihr gefallen.“

Oder:

„Da könnten wir hingehen.“

Und vielleicht muss ich mir das gar nicht abgewöhnen.

Denn jemandem einen Platz in seinen Gedanken zu geben bedeutet nicht, dass man nicht auch seinen eigenen Weg gehen kann.

Vielleicht geht es gar nicht darum, aus einem „Wir“ wieder vollständig ein „Ich“ zu machen.

Vielleicht geht es darum, beides nebeneinander bestehen zu lassen.

Das Wir darf bleiben.

Nur mein eigenes Ich darf wieder ein bisschen mehr Platz bekommen.

Und vielleicht frage ich mich deshalb heute nicht:

Was machen wir heute?

Sondern:

Was möchte ich heute?

Noch fühlt sich diese Frage manchmal ungewohnt an.

Ein bisschen frei.

Ein bisschen traurig.

Und gleichzeitig irgendwie schön.

Vielleicht ist genau das eine dieser Lebensphasen, die man nicht planen kann.

Man wächst einfach langsam hinein.

Mit Liebe.

Mit Wehmut.

Mit neuen Gewohnheiten.

Und manchmal eben auch mit einer Portion Essen zu viel. 🤍

🌿 nian soul – weniger Druck. Mehr Ruhe. Wieder bei Dir ankommen.