Manchmal passiert etwas Schönes.
Etwas gelingt...
Eine Idee funktioniert...
Ein Projekt nimmt Form an...
Wir bekommen eine gute Nachricht...
Wir verbringen einen richtig schönen Moment mit jemandem...
Oder wir sitzen einfach da und merken plötzlich:
Eigentlich geht es mir gerade richtig gut.
Und fast genauso schnell kommt oft schon der nächste Gedanke.
„Jetzt freu Dich lieber nicht zu früh.“
„Mal schauen, wie lange das anhält.“
„So besonders ist es eigentlich auch wieder nicht.“
Oder wir erzählen jemandem etwas Schönes und relativieren es direkt selbst.
„Es war schön, aber …“
„Ich freue mich, aber wir müssen erst einmal sehen …“
„Es läuft gut, aber …“
Warum eigentlich?
Warum fällt es uns manchmal leichter, über Schwierigkeiten ausführlich zu sprechen als einfach zu sagen:
„Das macht mich gerade glücklich.“
Ohne Nachsatz.
Ohne Erklärung.
Ohne das kleine Wort „aber“.
Vielleicht haben wir irgendwann gelernt, dass man sich nicht zu früh freuen soll.
Dass zu viel Stolz schnell eingebildet wirken könnte.
Dass man bescheiden bleiben muss.
Dass nach einem Hoch bestimmt wieder ein Tief kommt.
Und so halten wir selbst in schönen Momenten manchmal ein kleines Stück zurück.
Fast so, als könnten wir uns schützen, wenn wir uns nicht zu sehr freuen.
Denn wenn ich etwas nicht ganz an mich heranlasse, kann ich vielleicht auch weniger enttäuscht werden.
Das klingt zunächst logisch.
Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, funktioniert es eigentlich nicht.
Wenn etwas später anders kommt, werde ich dann wirklich weniger enttäuscht sein, nur weil ich mich vorher nicht richtig gefreut habe?
Wahrscheinlich nicht.
Ich habe dann nur eines geschafft:
Ich habe mir den schönen Moment vorher auch noch genommen.
Mit Freude ist oft noch ein anderes Gefühl verbunden:
Stolz.
Auch das finde ich spannend.
Wir können ziemlich problemlos aufzählen, was wir noch nicht können.
Was wir besser machen müssten.
Wo wir Fehler gemacht haben.
Was noch fehlt.
Aber versuch einmal laut zu sagen:
„Darauf bin ich wirklich stolz.“
Schon fühlt es sich für viele ein bisschen komisch an.
Fast so, als müsste direkt eine Erklärung folgen.
Dabei bedeutet Stolz doch nicht:
„Ich bin besser als alle anderen.“
Es kann einfach bedeuten:
„Ich sehe, was ich geschafft habe.“
Vielleicht habe ich etwas durchgezogen, obwohl es schwierig war...
Vielleicht habe ich etwas Neues ausprobiert...
Vielleicht habe ich eine Grenze gesetzt...
Vielleicht habe ich mich getraut...
Vielleicht habe ich viele kleine Schritte gemacht, die niemand gesehen hat...
Warum sollte ich das nicht anerkennen dürfen?
Wir erwarten von uns ständig Entwicklung.
Aber wenn Entwicklung passiert, laufen wir oft einfach darüber hinweg und suchen sofort das nächste Ziel.
Das kenne ich besonders gut.
Etwas, woran ich lange gearbeitet habe, ist endlich fertig.
Für einen kurzen Moment denke ich:
Geschafft.
Und kurz danach:
„Okay, was kommt als Nächstes?“
Neue Idee...
Neue Aufgabe...
Neue Liste...
Neues Ziel...
Eigentlich verrückt.
Wir arbeiten manchmal Tage, Wochen oder Monate auf etwas hin – und gönnen uns anschließend vielleicht fünf Minuten, um uns darüber zu freuen.
Dann wird aus einem Ziel, das einmal wichtig war, innerhalb kürzester Zeit etwas Selbstverständliches.
Vielleicht liegt genau darin ein Grund, warum wir manchmal das Gefühl haben, nie wirklich anzukommen.
Nicht weil wir nichts erreichen.
Sondern weil wir uns kaum Zeit geben, es überhaupt wahrzunehmen.
Und dabei meine ich mit Freude gar nicht nur große Erfolge.
Vielleicht ist das sogar der nächste Irrtum.
Wir warten häufig auf besondere Gründe.
Eine Reise...
Eine gute Nachricht...
Ein großer Erfolg...
Etwas, das wir feiern können...
Aber manche der schönsten Momente sind überhaupt nicht spektakulär.
Ein Kaffee in Ruhe mit meiner Tochter.
Mit den Hunden draußen sein.
Sonne im Gesicht.
Ein Lied, das genau zur Stimmung passt.
Etwas fertigzustellen, an dem ich lange gearbeitet habe.
Ein Gespräch, nach dem ich mich leichter fühle.
Oder dieser seltene Moment, in dem ich nichts vermisse, nichts verbessern möchte und einfach denke:
Gerade passt es.
Vielleicht sollten wir genau solche Momente ernster nehmen.
Nicht größer machen, als sie sind.
Aber auch nicht kleiner.
Es gibt noch einen Gedanken, den ich immer wieder interessant finde.
Manchmal bekommen wir fast ein schlechtes Gewissen, wenn es uns gut geht.
Weil wir wissen, dass andere gerade kämpfen.
Weil auf der Welt so vieles schwierig ist.
Weil jemand in unserem Umfeld Sorgen hat.
Und natürlich dürfen wir Mitgefühl haben.
Aber hilft es einem anderen Menschen wirklich, wenn ich meinen eigenen schönen Moment nicht genieße?
Ich glaube nicht.
Mitgefühl verlangt nicht, dass wir unsere eigene Freude verkleinern.
Wir können Anteil nehmen und trotzdem lachen.
Wir können wissen, dass das Leben nicht immer leicht ist und trotzdem einen guten Tag genießen.
Vielleicht ist Freude sogar etwas, das wir viel bewusster zulassen sollten – gerade weil wir wissen, dass nicht jeder Tag so sein wird.
Ich glaube, manchmal bremsen wir Freude auch deshalb, weil wir wissen, dass sie vergänglich ist.
Ein schöner Tag geht vorbei.
Ein Urlaub endet.
Ein Erfolg fühlt sich irgendwann wieder normal an.
Ein Moment lässt sich nicht festhalten.
Aber vielleicht muss er das auch gar nicht.
Vielleicht liegt seine Bedeutung genau darin, dass er jetzt da ist.
Wir müssen aus einem guten Moment kein dauerhaft gutes Leben machen.
Wir müssen nicht wissen, ob morgen genauso schön wird.
Wir müssen nicht garantieren können, dass etwas bleibt.
Vielleicht reicht:
Heute ist es schön.
Und das darf genug sein.
Vielleicht achtest Du heute einmal darauf, was passiert, wenn Du Dich über etwas freust.
Kommt danach sofort ein:
„Ja, aber …“?
Machst Du etwas kleiner, bevor ein anderer es tun könnte?
Gehst Du sofort zum nächsten Ziel?
Oder erlaubst Du Dir tatsächlich einen Moment lang zu denken:
Das ist schön.
Darüber freue ich mich.
Darauf bin ich stolz.
Ohne Erklärung.
Ohne Rechtfertigung.
Ohne vorsorglich daran zu denken, was alles wieder schiefgehen könnte.
Vielleicht müssen wir nicht nur lernen, mit schwierigen Momenten umzugehen.
Vielleicht dürfen wir auch wieder lernen, schöne Momente wirklich an uns heranzulassen.
Nicht festhalten.
Nicht übertreiben.
Einfach wahrnehmen.
Und manchmal sagen:
Heute ist etwas gut.
Und ich lasse es heute auch gut sein. ✨